Reset

Gottes Hand und Schutzengel beim Fahrradunfall


Die letzten Sekunden

Noch ein Kilometer bis zur Ampel, jetzt Endspurt. Ich atme schwer, der Kopf gesenkt, mein Wille treibt mich weiter. Voran, noch diese Kurve, dann wieder leicht bergab. Ich höre ein Geräusch, ich schaue auf, erschrecke: das Fahrzeug schleudert, Reifen kreischen, mein Schrei erstirbt, nach rechts – kein Platz, nach links – das Auto, wohin? Das Fahrzeug fliegt mit seiner vollen Breite auf mich zu, mit aller Kraft greife ich in die Bremsen, die Wand aus Blech füllt jetzt mein ganzes Blickfeld und lässt mir keine Lücke. Nach oben, ein letzter verzweifelter Versuch. Mit aller Kraft drücke ich mich aus den Pedalen, doch der brutale Aufwärtshaken kommt zu schnell. Der Schlag, stärker, intensiver, vernichtender als alles, was ich jemals zuvor erlebt hatte, reißt mich vom Rad – und aus der Welt.


Garmin Aufzeichnung vom Fahrradunfall


Notarzt

„Spontanatmung regelmäßig, Sauerstoffsättigung neunzig Prozent.“
Inzwischen hatte der Sanitäter dem Verletzten das Pulsoximeter auf den Zeigefinger gesteckt.
„Dann müssen wir jetzt hier nicht intubieren.“ 
Der Notarzt atmete tief durch. Eine Intubation und die damit zwingend verbundene Sedierung des Verletzten war unter kontrollierten Bedingungen im Krankenhaus einfacher. 
Kaum war der Krankenwagen in Bewegung und der Notarzt von der stabilen Situation überzeugt, griff er zum Telefon. Sofort wurde er von der Leitstelle zur Emergencyline des Städtischen Klinikums durchgestellt.
„Notaufnahme, Bockelmann.“
„Cirka sechzigjähriger Radfahrer, männlich. Zusammenprall mit Pkw, Hochgeschwindigkeitstrauma, wahrscheinlich kombinierte Weichteil- und Skelettverletzungen. Kreislauf stabil, Atmung stabil, nicht intubiert. Bitte Schockraum für Polytrauma vorbereiten.“ 


zerstörtes Rennrad nach Frontalzusammenstoß mit dem Auto


Polytrauma

Ein Unfallchirurg, der an seiner neongelben Weste als Emergencyleader erkennbar war, hatte sich mit allen verfügbaren Informationen versorgen lassen und den nun nacheinander eintreffenden Mitgliedern des Notfallteams erste Hinweise gegeben. Jetzt, acht Minuten nach dem Absetzen der Funkmeldung, war das Team vollzählig. 
„Wir warten auf einen Radfahrer mit Polytrauma. Weichteile und Knochenverletzungen. Eintreffen in wenigen Minuten. Voraussichtlich stabiler Kreislauf und Spontanatmung.“ 
Der Anästhesist nickte. Er wusste nun, dass er eine Intubation vorbereiten und die Geräte bereitlegen musste. Außer seinen ruhigen Bewegungen und dem leisen Klicken von Spiegel, Tubus und weiteren Instrumenten erfüllte jetzt nur noch gespanntes Warten den Raum. 


Intensivstation

Krise in der Intensivstation

Krise

Der erste Handgriff gilt dem Licht und flutet den Deckenstrahler. Die vorher im Dämmerlicht nur schemenhaft erkennbaren Gerätetürme springen in brutalem Kontrast hervor und machen sich für neue Einsatzbefehle bereit. 

„Schocklage, Ringerlaktat, halber Liter im Schuss!“

Noch während der Arzt seine Anweisungen gibt, haben die beiden Pfleger bereits den Griff am Fußende des Betts gepackt und in die Höhe gezogen. Trendelenburglage, jeder Ersthelfer kennt diese Schockmaßnahme. Mit dem Kopf nach unten und den Beinen nach oben drückt die Schwerkraft Blut aus dem größten Körperspeicher – den Venen – und zurück ins Herz.

Eine markerschütternde Sirene hat Arzt und Pfleger hochgeschreckt, zum Sternlauf ins Patientenzimmer dirigiert und tönt noch immer.

Puls 140, Systole 70 und fallend, Schockindex definitiv im kritischen Bereich.

Ein Pfleger hängt den Infusionsbeutel ein und öffnet das Ventil, maximaler Durchfluss. 

Wird es reichen?

Die noch immer gellende Sirene verstummt erst jetzt, nachdem ein Pfleger daran denkt, den Alarm zu quittieren.

Die Pfleger und der Arzt stehen schweigend am Bett.

Puls 144, Blutdruck 68.

Erst jetzt bemerkt der Arzt, dass Kathrin noch im Raum ist, daneben ihr Begleiter. Sie hatte den hohen Puls zuerst gesehen und war im Begriff, den Pfleger zu rufen, als der Alarm losging. Seitdem haben beide kein Wort gesagt.

„Wir würden Sie bitten, für einen Moment den Raum zu verlassen.“

Jetzt keine Ablenkung, keine Fragen, kein unnötiges Risiko durch mangelnde Konzentration.

Puls 148, Blutdruck 67.

„Wir erhöhen das Dopamin“, der Arzt wendet sich zum Pfleger, „wie ist die Dosis jetzt?“

Der Pfleger schaut auf das Display: „Zehn Gamma.“

„Geh aufs Doppelte!“

Nervös blickt der Arzt auf die Uhr. Maximal 10 Minuten. Die nächsten Schritte?

Die Zeit nutzen, weitere Informationen sammeln.

„Was ist passiert?“

„Septisches Koma vielleicht? Gib mir noch mal die Akte!“

Der Arzt blättert durch die Seiten, murmelt: „Stumpfes Bauchtrauma, Illiumperforation, erhöhte Entzündungswerte. Eine Peritonitis?“ Dann laut: „Hol mal den Ultraschall!“

Der Arzt drückt glibbriges Kontaktgel auf den Sensor und führt diesen in langsam kreisenden Bewegungen erst über die Seite des Patienten, dann den Bauch.

„Etwas freie Flüssigkeit!“ Soll er eine Drainage legen lassen? Er fährt zum Unterleib, sucht dort nach Hinweisen.

Da war doch was am Darm, ist dies hier jetzt das klinische Korrelat?

„Ist das Ringerlaktat durch?“

„Ja.“

„Dopamin läuft?“

„Doppelte Rate“, der Pfleger überlegt: „Sollen wir FFP geben?“

Fresh Frozen Plasma, das könnte eine Idee sein.

„Mach einen Beutel warm!“

Der Pfleger verschwindet, Türen klacken, ein Klingelton. Eine kleine mit Raureif überzogene dampfende harte Tafel hat sich in der Mikrowelle zu einem grünlich schimmernden Beutel verwandelt, der aber kein Olivenöl enthält, sondern Blutplasma im Gegenwert von einem halben Liter Vollbut.

„Lass uns noch fünf Minuten warten!“

Der Pfleger hängt den Beutel in den Galgen und legt den Schlauch neben den letzten freien Zugang am zentralen Venenkatheter, verbindet ihn aber noch nicht.

„Wie siehts aus?“

Puls 140, Blutdruck 70.Vielleicht haben wir Glück.“

Gebannt blicken drei Gesichter auf einen Monitor und zwei Zahlen.

Puls 138, Blutdruck 77.

Puls 125, Blutdruck 85.

Puls 105, Blutdruck 100.

„Schockindex bei eins“, der Arzt atmet tief, „wir sind durchs Gröbste durch!“

„Dopamin zurückfahren?“

„Lass uns noch zehn Minuten beobachten!“ Wieder schaut der Arzt auf seine Uhr. Seit dem Alarm sind 35 Minuten vergangen.

„Puls 95, Blutdruck 115“, der Arzt hängt den Plasmabeutel ab und reicht ihn zum Pfleger. „Es scheint, wir haben es geschafft!“

„Wie gehts weiter?“

„Ich schreibe den Bericht. Einer von euch bleibt noch zehn Minuten hier und stellt sicher, dass alles regulär bleibt. Dann wieder Normallage. Gebt mir Bescheid. Ich informiere dann die Besucher und lass sie wieder rein.“

 

Das Deckenlicht erlischt und lässt die neben dem jetzt wieder waagerecht stehenden Bett aufragenden Gerätetürme schemenhaft zurücktreten. Das Piepen hat sich auf 90 Pulse pro Minute eingespielt. Ein grüner Punkt zieht seinen Lichtschweif synchron über den Monitor und erhellt in gespenstisch gleichmäßigem Rhythmus das Gesicht des Patienten.

 

Die Lage scheint unter Kontrolle.

Wie lange diesmal?

Schwerstbehindert in der Intensivstation

Schwerstbehindert

Seit Tagen changierte der Himmel zwischen Nieselregen und Nebel und überzog die Stadt mit trübem Grau, in dem die Bäume keine Schatten warfen und ihre immer noch kahlen Äste verzweifelt in die Höhe streckten. Achtlos hatte der Winter den Frühlingsanfang vorüberstreichen lassen und verlängerte seinen Auftritt bereits seit Tagen mit monotonen Zugaben von Nässe, Frost und Dunkelheit. 

Doch irgendetwas war geschehen. Bereits beim Öffnen der Tür fühlte sich die Klinik anders an. Wie immer hatte Kathrin das Auto einige hundert Meter vor dem Krankenhausgelände am Rand einer Kleingartenanlage geparkt, war an der zentralen Notaufnahme vorbeigelaufen und hatte den Eingang ins Kellergeschoss des Gebäudes C010 genommen. Ein Gang führte sie im Dämmerlicht zu einer gläsernen Wandbarriere, dahinter einige Schritte im Hellen weiter und schließlich zu einer Welt, die dem normalen Besucher verschlossen bleibt, die Kathrin aber seit Wochen kannte: zur Intensivstation der Unfallchirurgie.


 

Kathrin musste lange schweigend gesessen haben, bis sich schließlich der Arzt erneut an sie wandte.

„Wollen Sie vielleicht jemanden anrufen?“

Kathrin schüttelte den Kopf. Sie brauchte jetzt keine Menschen, sie brauchte Ruhe. Der Arzt verabschiedete sich und auch Kathrin machte sich auf. Sie kannte den Weg ins Patientenzimmer. 

 

Das zweite Bett, da lag er, wie immer. Die Pfleger hatten Frank auf die linke Seite gelegt, seine Augen waren offen. Kathrin zog sich einen Stuhl ans Kopfende und beobachtete die ruhigen Atemzüge und das gleichmäßige Zucken auf dem Monitor, sah die Schläuche, die Kabel, die Geräte mit ihren blinkenden Zahlen und spürte ihre Verzweiflung. 

Wieviel Mensch war noch in ihm?

Die weit geöffneten Augen ihres Mannes schauten starr durch sie hindurch und verloren sich im Leeren.

erste Mobilisierung in der Intensivstation

nach dem Koma

Bereits kurz nachdem ich aus dem Koma erwacht war, wurde ich aus dem Bett herausgehoben und in einen Liegesessel umgesetzt. Alles fühlte sich ganz anders, viel interessanter an. Ich konnte zum ersten Mal das Geschehen um mich herum sehen, die Ärzte, Pfleger, Therapeuten, Putzfrauen und Besucher. Noch immer konnte ich mich nicht bewegen, nicht sprechen und auch meinen Kopf nicht selbstständig halten, der lehnte sich an eine Stütze. Und doch war ich dabei, im Geschehen der Außenwelt, die ich jetzt langsam wiederentdeckte. Mein Ausflug war anstrengend, aber aufregend und ich genoss jede Sekunde.

„Wir dürfen es beim ersten Mal nicht übertreiben“, sagte der Pfleger nach zwanzig Minuten, „Sie müssen wieder liegen. Sonst überlasteten wir Ihren Kreislauf.“ 

Jetzt lag ich wieder. Ich hatte etwas Unglaubliches erlebt, einen kurzen Ausflug in die Welt von früher. Jetzt, wieder bewegungsunfähig und an das Bett gefesselt, erschien sie mir unendlich weit entfernt. Wie war ich nur dorthin gelangt? Ich hatte gespürt, dass mein Körper einen komplizierten Prozess durchlaufen musste, bei dem Bewegungen, Lageänderungen, Richtungswechsel und sicherlich noch weitere Schritte, die ich nicht beschreiben konnte, aufeinander folgten. Mir war klar, dass ich diesen Prozess unmöglich allein durchlaufen konnte. Ich wollte aber wissen, wie schwierig und wie weit der Weg war, aus welchen Schritten er bestand und wie eng die Durchgänge waren. Ich kam zu keinem Ergebnis und spekulierte. Offensichtlich gab es zwei Daseinsebenen, zwei Räume. In einen war ich durch den Unfall geraten, in den anderen wollte ich zurück. Möglicherweise war es wie bei einer Linse, die ein reales Bild erzeugt, zuvor im Strahlengang aber eine völlig andere Realität entstehen lässt, einen anderen Raum, den Fourierraum. Ich wusste, dass eine Integraltransformation den Übergang vom Fourier­raum in den Raum der realen Bilder vermittelt. Waren die von mir erlebten Räume auf ähnlich komplexe Weise miteinander verbunden? 

Ich nahm mir fest vor, beim nächsten Mal genau auf die Bewegungsabläufe zu achten.

Pflegefall

locked-in kommunikation mit der Buchstabentafel

Locked In

Ich merkte sofort nach dem Aufwachen, dass mit meiner Stimme etwas nicht in Ordnung war: Ich war stumm! Ich konnte nicken und denken, mein Kopf war bereit, doch niemand wusste davon! 

 

Noch immer war sich Kathrin nicht sicher, wie viel ich wirklich von meiner Umgebung verstand. Meine Schwester Jutta war aus Kiel zu Besuch gekommen, und beide jetzt bei mir. Jutta hatte ihren Plan – die Buchstabentafel – mit PC und Drucker schnell verwirklichen können. Auf einem großen Blatt waren die 25 Buchstaben des Alphabets in einem Quadrat mit fünf Reihen und fünf Spalten angeordnet. Kathrin hielt mir das Blatt so nah vor die Augen, dass ich die Buchstaben gut lesen konnte und fuhr mit ihrem Finger zeilenweise über das Blatt. Ich sollte nicken, wann immer der Finger den richtigen Buchstaben erreicht hatte:

 

AUA

 

Ich nickte dreimal, mein erstes Wort!

Der Damm war gebrochen, ein Kommunikationskanal hatte sich geöffnet. Die körperlichen Reaktionen waren für meine Besucher ermutigend, ich hatte Bewusstsein, doch jetzt war ihnen klar, ich konnte denken!

„Hast du Schmerzen?“

Ich nickte.

„Wo tut es dir weh?“ Wieder erschien die Buchstabentafel vor meinem Gesicht.

 

LAGE

 

Ein Pfleger hatte mich ungünstig gelegt, mein Rücken schmerzte. Der Arzt erschien und war erstaunt. Er ließ sich meine Reaktion auf Ansprache vorführen, die Bewegung von Zeh und Finger, hörte den Bericht zur Buchstabentafel. Sofort rief er einen Pfleger, der mich auf die andere Seite drehte und ordnete eine Schmerzmittelinfusion an. Ich war so froh, mich wieder verständlich machen zu können und so viel Hilfe zu erfahren. Ich wollte meiner Schwester unbedingt noch etwas sagen. Die Buchstabentafel wurde noch einmal bemüht:

 

DANKE

 

Mein letztes Wort für heute. ...

 



... Ob ich mir etwas wünschte?

 

COLA

 

wollte ich haben. Noch immer war mein Durst riesengroß.

"Du darfst nicht trinken, weil du dich verschlucken könntest!" Ich war enttäuscht. 

"Gibt es einen anderen Wunsch, den wir dir vielleicht erfüllen könnten?“

Ich dachte lange nach. Wie konnte ich es nur in einfachen Worten ausdrücken, dass ich meine Stimme wiedererlangen wollte? 

Endlich hatte ich es:

 

REDEN

 

Zuerst schaute Kathrin mich fragend an, dann hatte sie verstanden. "Du kannst nicht reden", sagte sie, "deine Stimmbänder sind blockiert. Es ist wegen der Trachealkanüle."

Jetzt wusste ich, warum ich keine Stimme mehr hatte. Ich musste es wohl akzeptieren.

Intensivstation Trachealkanüle Entwöhnung von der Beatmung

Atemnot

Ich wurde nun bereits seit sechs Wochen künstlich beatmet und sollte nun langsam von den Geräten entwöhnt werden. Nicht nur meine Arm-, Bein und Rumpfmuskeln waren so verkümmert, dass ich wie gelähmt im Bett liegen musste und keine eigenständigen Bewegungen machen konnte, auch meine Zwerchfellmuskeln hatten sich durch die lange Untätigkeit ebenfalls zurückgebildet. Sie hatten die Fähigkeit verloren, meinen Brustkorb zu bewegen und dadurch Luft in die Lunge ein- und ausströmen zu lassen. Ich konnte nicht mehr selbstständig atmen! 

Um die Zwerchfellmuskeln anzuregen, reduzierten die Ärzte das Ausmaß der künstlichen Beatmung. Erst wenig, dann sukzessive mehr. 

Es fühlte sich entsetzlich an, wie langsames Ersticken. Ich kämpfte um jeden Atemzug, hatte fortwährend Angst, dass die Luft nicht reichen würde. 

„Wir haben einen Sauerstoffmonitor angeschlossen und beobachten die Sauerstoffsättigung in ihrem Blut ganz genau“, erklärte der Arzt, „sobald sie zu niedrig wird, gibt es einen Alarm“. 

Aber es gab keinen Alarm. Ich spürte das Ersticken und kämpfte dagegen an, Atemzug für Atemzug. Es hörte nicht auf. Eine gefühlte Ewigkeit musste ich gegen das Ersticken ankämpfen. Ich versuchte, die übermenschliche Anstrengung zu strukturieren und zählte eins, zwei, drei... bis zwölf und dann wieder von vorne. Zehn Sätze und dann wieder zehn, und noch einmal zehn. Immer wieder. Jeder geschaffte Atemzug war ein Gewinn. Ich konzentrierte mich jedes Mal auf den nächsten Atemzug. Dadurch wurde die Anstrengung machbar. 

Beim Radfahren in den Bergen war es ähnlich gewesen: Ich schaffte den langen Passaufstieg leichter, wenn ich mir Zwischenziele setzte. 1.800 Meter hinauf, das sind 3 Stunden à 600 Höhenmeter. Und das sind 100 Höhenmeter pro 10 Minuten, also zehn Höhenmeter pro Minute, das kann man schaffen. 1.800 Höhenmeter in einem Stück ist unmöglich, aber zehn Höhenmeter pro Minute sind machbar. Manchmal schaffte ich die zehn Höhenmeter in etwas weniger als einer Minute. Dann strengte ich mich besonders an, wollte die gewonnene Zeit verteidigen und den „Vorsprung“ nicht leichtfertig wieder hergeben...

... Nur konnte ich diesmal das Tempo nicht selbst bestimmen, sondern musste hoffen, dass der Arzt die richtige Therapie festlegte und der Pfleger die Geräte richtig eingestellt hatte. Mir blieb nichts anderes übrig, als zu kämpfen: eins, zwei, drei... bis zwölf und dann wieder von vorne. Zehn Sätze und dann wieder zehn, und noch einmal zehn. 

Verloren im Dunkel der Intensivstation

Frühling

Es gab nur ein kleines Fenster im Raum. Dahinter sah ich eine graue Betonwand und darüber einen winzigen Streifen des Himmels. Das Fenster war immer geschlossen. Wie sehr wünschte ich mir, die frische Luft zu spüren! 

Dann, endlich: „So ein abscheulicher Mief hier drinnen“, eine Schwesternschülerin kam herein, „ich muss das Fenster öffnen!“

Frühlingsfrische strömte herein, in der Ferne zwitscherte ein Vogel. Mein Herz ging auf.

„Warum um Himmels willen ist denn das Fenster offen?“ Ein Pfleger war im Zimmer aufgetaucht und wandte sich zur Schülerin: „Die Fenster dürfen nie geöffnet werden! Wir müssen jedes Risiko einer Verunreinigung vermeiden. Außerdem ist der Raum klimatisiert.“

Er schloss das Fenster und ging wieder hinaus. Die Schwesternschülerin schaute betreten. 

„Das war eine großartige Entscheidung von Ihnen!“, wollte ich ihr sagen. „grsrtg ntschdng“, krachte und schnalzte ich, „vln dnk“. 


Ich versuchte mich an einem Lächeln. Es gelangte zu dem Mädchen, wurde in ihren Augen reflektiert und fand seinen Weg von dort direkt in meine Seele.

Träume

am Ende Nahtoderlebnis in der Intensivstation

Am Tod

..... doch wieder will ich mich nicht darauf einlassen. Wieder und wieder. Und jedes Mal spüre ich, wie die Macht von mir Besitz ergreift. Meine Arme und Beine werden gedehnt und gestreckt und ich bin gezwungen zuzuhören. 

„Du willst von all unseren Vorschlägen nichts annehmen?“, fragt die Stimme. „Nun gut. Wenn du vom Leben nichts mehr willst, dann musst du sterben.“ 

Panik und Entsetzen ergreifen mich. Ich befinde mich jetzt plötzlich an einem anderen Ort und sitze in einem winzigen Raum, der gerade genügend Platz für mich alleine bietet.  Ich befinde mich in einer alten Telefonzelle, der, bar jeder Einrichtung, selbst die Farbe fehlt. Durch die Glastür sehe ich einen weiten, leeren Platz. Kein Mensch ist zu sehen. Alles ist grau. Die Zelle ist leer, schmucklos und nüchtern. 

„Das soll der Tod sein?“ 

Eine eiserne Faust umgreift meinen Leib, scharfe Blitze schießen durch meinen zu schwarzem Eis erstarrten Kopf.

„Was nutzt mir jetzt mein erspartes Geld? Meine Pläne für das Alter?“ 

Das Entsetzen wächst, ergreift schließlich meine ganze Existenz.

„Das soll es gewesen sein? Und hier, in dieser engen Zelle enden? Leer, schmucklos, nüchtern?“

Ich möchte mich zum Sterben wenigstens hinlegen können. Dann will ich die Augen schließen und es soll, wenn es sein muss, vorbei sein. Aber die Zelle ist dafür zu eng. Ich muss hinaus. 

„Macht die Tür auf!“, rufe ich, „macht die Tür auf!“

 

Aber die Tür bleibt verschlossen.

Die Botschaft Nahtoderlebnis in der Intensivstation

Die Botschaft

... die Anrufe kamen jedes Mal überraschend. Ich blieb in der Leitung, wurde mehrfach verbunden und hörte die Stimmen weiter und weiter entfernt. Die Konzentration auf das Geschehen fiel mir entsetzlich schwer. Ich wusste das nun schon, denn die letzten Male war ich noch vor der letzten Verbindung so müde, dass ich die vorbereiteten Sätze nicht mehr vollständig sagen konnte. Die Verbindung wurde dann abgebrochen und ich erkannte, dass ich nichts erreicht hatte.

Wieder meldete sich die Stimme. Diesmal nahm ich mir ganz fest vor, bis zum Schluss durchzuhalten und die entscheidenden Sätze zu sagen. Endlich war ich nach zahlreichen Verbindungen wieder mit dem amerikanischen Sachbearbeiter verbunden. Weit entfernte Stimmen redeten miteinander. 

„Da ist er wieder“, hörte ich in der Leitung, „er sagt ja ohnehin nichts. Aber geben wir ihm noch einmal eine Chance. Reden Sie jetzt, die Zeit läuft.“ 

Ich merkte, wie die Zeit verrann. Schon wieder war ich entsetzlich müde geworden. Unendlich müde, in lähmender Bewegungslosigkeit gefangen, nichts war mir möglich. Aber ich wusste, dass ich dieses Mal etwas sagen musste. Mit unsäglicher Mühe gelang es mir zu sprechen: „Wir -- haben --- aus ---“, brachte ich mühsam hervor, dann war die Zeit um. Die Verbindung wurde unterbrochen.

 

Ich hatte es nicht geschafft, dieses ungeheuerliche Unrecht aus der Welt zu schaffen. „So kann ich nicht sterben“, ein gewaltiger Blitz zuckte durch mein Denken, „ich habe noch eine Aufgabe zu erledigen. Wenigstens diese eine!“ Und erkannte, dass ich noch einen großen Auftrag im Leben hatte. Ich musste es schaffen, die entscheidende Botschaft zu übermitteln. Mindestens dieses wollte ich für Kathrin noch tun.

 

Ich beschloss, um mein Leben zu kämpfen.

Intensivstation Traum und lesender Besucher

Gefahr

Paul, der immer noch zu Besuch ist, liest aus einem mitgebrachten Buch von Haruki Murakami, es heißt „Kafka am Strand“. Als er fragt, ob Frank ihn verstehen könne, scheint dieser den Kopf zu schütteln. Paul fragt andere Dinge, aber immer wieder schüttelt Frank den Kopf, oder er bewegt sich gar nicht. Versteht er wirklich, oder ist es nur ein Reflex?

Ein seltsamer Gegenstand erscheint in meinem Blickfeld. Er könnte aus Holz sein, vielleicht ein skandinavisches Möbelstück oder eine Skulptur. Ich nähere mich interessiert. 

Jetzt ist Paul bei mir. „Pass auf!“, sagt er, „solche Dinge können gefährlich sein!“ 

Im selben Moment spüre ich die Gefahr. Ich bin in einer Arztpraxis. Der Gegenstand gehört zur Einrichtung. Ich weiß nicht, welche Funktion er hat, fühle mich aber bedroht. 

Paul warnt: „Du musst darauf achten, wie hier die Rollen verteilt sind“, sagt er, „möglicherweise bist du Patient. Vielleicht bist du aber auch Instrument oder Medikament.“ 

Ein eisiger Schrecken durchfährt mich. Ich ahne, dass nicht nur der seltsame Gegenstand, sondern auch ich selbst nun zu einem gefährlichen Versuch gehören, der in dieser Arztpraxis durchgeführt wird. Ich hätte vorsichtiger sein und mich dem Gegenstand nicht nähern sollen! 

 

Jetzt ist es zu spät. Ich bin dem Geschehen ausgeliefert.